Erlauschte Gespräche - ein Kleinstadtidyll
1. Erlauschte Gespräche, ein Kleinstadtidyll.
Wenn ich mal von der Großstadt erholen mich will.
Dann fahr' ich zur Kleinstadt, an 'nen ganz stillen Ort,
Durchschlend're die Straßen und hör' jedes Wort:
„Herr Stadtrat!“, „Herr Ökonomierat!“, „Frau Unterpostsekretär!“
Die kenn'n bloß ihre Titel, Nam'n kenn'n sie nicht mehr,
„Wo bleib'n Sie?“ - „Was treib'n Sie?“ - „Wie geht's?“ und „Wie steht's?“
„Na 's geht ja“ - „Na dann geht's ja.“ - „Ja 's geht ja.“ - „Na dann geht's.“
2. Erlauschte Gespräche - Frau Kunz kommt zurück
vom Kino zur Freundin. - „Ein reizendes Stück!“
„Was gab’s denn?“ - „’s war herrlich! – Also Fräulein Witt.“ - „Von neb’nan?“
„Ja, auf’m Rang, ganz im Dunkeln - mit ’nem wildfremden Mann,
und in der LOGE Herr Kurz.“ - „DER, der Pleite gemacht?“
„Ja – und neb’n mir Frau Schäwig - in komischer Tracht,
Lauter VORJÄHR’GE Sachen!“ - „Und DAS nennt die nun schick!“
„Ja, ich mußt’ ja so lachen - ein reizendes Stück!“
3. Erlauschte Gespräche - im Gasthof „Zum Lamm“,
da komm’n jeden Mittwoch - zehn Herrn zusamm’n.
Sie sitzen am Stammtisch - man hört keinen Toast,
kein Gespräch, keinen Ton - sie sag’n bloß immer „Prost!“
Mal „prostet“ der EINE - dem ANDERN zum Trost
und trinkt dann der ANDRE - sagt DER wieder „Prost!“
Und sie „prosten“ drei Stunden - gehn nach Hause alsdann...
’s ist doch schön, wenn man sich mal ’n bißchen aussprechen kann.
4. . Erlauschte Gespräche zur Mittagszeit
Weiß einer vom andern genau Bescheid.
„Bei Schmidt's brennt der Kohl an!'“ - „Na, ihr Alter, der lärmt:
„Bei Meiers gibt's Braten....“ „Vom Sonntag, gewärmt!“
„Frau Klein kann nicht kochen, hat Konserven besorgt:
„Frau Piefke hat Gäste, da wird alles geborgt.“
„Bei Klapprichs gibt's Kohlrüb'n, das riecht man genau!“
„Und die dicke Müllern hat Schlachtfest - zwei Zentner die Sau.“
5. Erlauschte Gespräche nach Tisch. Miteinand',
da lesen sie's Kreisblatt, 's ist hochinteressant.
„Ein Rind zu verkaufen!“ „Ein Deckhengst bereit!“
„Ein Bulle entlaufen!“ „Eine Kuh kalbte heut'.“
„Die dickste Kartoffel auf der Redaktion.“
„Und heut' - im April - kam ein Maikäfer schon.“
„Und unser Storch ließ sich nieder auf dem vorjähr'gen Feld.“
„So, nun weiß man doch wieder was passiert in der Welt.“
6. Erlauschte Gespräche. 'n Spaziergang im Frei'n:
Herr Klaus und Herr Schramm. 's geht jeder allein.
An der Eck' vor 'nem Haus treffen beide zusamm'.
„Juten Abend, Herr Klaus!“ - „Guten Abend, Herr Schramm!“
„So alleen wolln Se wandern?“ - „Ja, das find' ich sehr fein.“
„Jeh'n Sie nie mit 'nem andern?“ - „Nein, ich geh' gern allein.“
„Ich jeh' ooch jern alleene.“ - „Ich doch auch, lieber Schramm!“
„Na, das trifft sich ja scheene, dann jeh'n wir zusamm!“
7. Erlauschte Gespräche - Herr Aktuar Dünn
und Herr Rechnungsrat Winzig müssen schnell mal wohin.
Steh'n bedrängt vor der Tür aber keiner geht eh'r.
„Nein, bitte nach Ihnen!“ - „Nein, nach Ihn' n, bitte sehr!“
„Aber Sie sind doch mehr!“ - „Sie sind älter, zu dien'n!“
„Nach Ihn' n, bitte sehr!“ - „Nein, bitte, nach Ihn' n!“
Und so ging das „nach Ihn'n“ und „nach Ihn'n“ vor der Tür,
und da bin ich rasch erschienen und da kam'n sie nach MIR.
8. Erlauschte Gespräche ein Kränzchen, zu schau'n
bei der Frau Bürgermeister da reden die Frau'n.
„Was macht die Frau Krause?“ - „Die putzt sich doch nur..“
„Und Frau Knopp?“ - „Hat was Kleines - von IHM nicht dieSpur!“
„Und mit Frau Brandt noch verkehr'n?“ - „Nein! Die prügelt ihr'n Mann,
ich kann's gar nicht mit anseh'n!“ - „Nun seh'n Sie mal an!“
Und dann komm'n die drei Frauen und die Freude ist groß.
„Eben red'n wir von Ihnen! Wo bleib'n Sie denn bloß?“
9. Erlauschte Gespräche - in lauschiger Nacht
gibt's da KEINE Gespräche wenn der Frühling erwacht.
Da komm'n die Verliebten, sitzen heimlich im Frei'n
auf 'ner Bank, die gestiftet vom Verschön'rungs-Verein.
Die ist frisch gestrichen, das merken sie nicht.
Man hört nur ihr Küssen bis der Morgen anbricht.
Und hab'n sie's Heim dann erreicht und ist jeder allein,
sind sie alle noch feucht vom Verschön'rungs-Verein.
10. Erlauschte Gespräche bei 'm Schützenfest.
Das feiert man groß grad' im winzigsten Nest.
„Gut'n Morgen, Herr Hauptmann!“ - „Ah, Herr Schützenmajor!“
„Und hier der König , der neue - na wie komm'n Sie sich vor?“
„Und hier die Frau Kön'gin majestätisch und echt,
fehlt nur noch die Krone“ „Na heut' leb'n Sie nicht schlecht.“
„Ja, ein Tag ohne Sorgen, den man niemals vergißt.“
„Na und Frau Kön'gin - morgen?“ – „Da fahren wir Mist!“
11. Erlauschte Gespräche im Bürgerverein
Geht's streng nach dem Stande, denn Ordnung muß sein.
Beim Verteilen der Plätze kommt mancher in Zorn:
„Uns plazier'n sie nach hinten!“ - „Ja, wir sitzen vorn!“
„Frau Günther ganz vorne“ - „Ja, wer's hab'n kann, der hat's !“
„So, und ick, die Frau Schulzen uff'n hinteren Platz.
Und uff'n vorder'n die Günther'n?“ - „Ja, das ist unser Niveau!“
„So - und ick sitz' uff'm Hinter' n!“ - „Na das sowieso!“
12. Erlauschte Gespräche - am Bahnhof ist's fein.
Fährt man ab, marschier'n alle bis zum Zug hinterdrein.
Man steigt ein, öffnet's Fenster und die steh’n vor dem Zug.
Da reden sie immer dasselbe, krieg'n gar nicht genug.
Da geht's „Winke, Winke“ und 's Taschentuch raus.
Und „Glückliche Reise! und „Nu grüß' man zu Haus!“
Und „Schreib'n Sie man bald“ und „Komm bald wieder her!“
Und der Zug steht noch immer und sie wissen nischt mehr.
Also nochmal „Winke, Winke“ und 's Taschentuch raus,
und nochmal „Gute Reise!“ und „Grüß' man zu Haus!“
Und „Schreib'n Sie bald mal!“ Und dann heißt es: „Der Zug
fährt erst mit Verspätung.“ Nun ist 's noch nicht genug...
Also nochmal „Winke, Winke“ und 's Taschentuch raus
und nochmal „Gute Reise!“ und „Grüß' man zu Haus!“
Und „Schreib'n Sie man bald mal!“ und der Zug bleibt am Fleck.
Na und endlich, da pfeift er.... „Gott sei Dank, er is weg!“