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Der Interviewer


 
1. In diesem Buche hab’ ich mein Register –
wo’s etwas gibt, geh’ ich zum Interview.
So ging ich jüngst zum Landwirtschaftsminister,
Herr’n Podbielski sucht’ ich auf im Nu.
Mit einem Fluch hat er mich gleich empfangen,
doch ich sprach keck: „Da mach’ ich mir nichts draus,
was Sie da reden, hör’ ich ohne Bangen –
Sie drücken sich gemeinverständlich aus.“
Da lachte er, sein Zorn war rasch vergessen,
und freundlich lud er mich zum Mittag ein.
’nen Schweinebraten hab’n wir da gegessen –
„Na seh’n Sie“, sprach er lachend, „ich hab’ Schwein!“
Man spricht von Schweinenot – ich kenne keine.
Was brauchen wir ausländ’sche Konkurrenz?
In Deutschland gibt es noch genügend Schweine!“
Ich sprach: „Sie müssen’s wissen, Exzellenz...“
 
2. Als jüngst Italiens König in Berlin war,
bin ich als Interviewer hingerannt.
Ich sprach: „Verzeih’n Sie mir, daß ich ich so kühn war!“
Er fragt’: „Wie denkt man hier von meinem Land?“
Ich sprach: „Ein jeder Künstler preist’s emphatisch,
begeistert wandert er durch jede Stadt.
Selbst jedem Schuster ist eu’r Land sympathisch,
weil’s die Gestalt von einem Stiefel hat.“
Er sprach: „Mein Land erlebte schwere Stürme,
die Campanile fiel am Markusdom;
ja selbst in Rom, da wackeln ein’ge Türme.“
Ich sprach: „Die woll’n wahrscheinlich los von Rom.“
„O“, stöhnte er, soviel gerät in’s Wanken.“
Ich sprach: „Ich möchte’ an eurer Stelle sein –
mir fehlen oft die nötigsten Gedanken,
Euch aber fall’n die die schönsten Sachen ein!“
 
3. Bei Sarah Bernhardt bin ich jüngst gewesen,
ich sah die Dame – schlank und glatt wie’n Aal.
Ich sprach zu ihr: „Ich habe jüngst gelesen,
Sie kämen auch nach Deutschland endlich mal.“
„Ja“, sagte sie, „wird man mir dort bescheren
auch Ruhm und Ehr’?“ – „Gewiß“, sprach ich darauf,
„Sie wissen ja, das Alter* muß man ehren,
drum nimmt man Sie in allen Ehren auf!“
Da rief sie froh: „Auf Ihre Worte bauend,
mein Busenfreund, komm’ ich nach Deutschland hin!“
„Ihr Busenfreund? Nein!“ sprach ich, sie beschauend,
„Weil ich kein Freund von solchem Busen bin.
Sie kommen zu uns deutschen Patrioten
zu mager her.“ – Da sagte sie pikiert:
„Vom Ausland her ist Fleischzufuhr verboten
und dies Verbot, das hab’ ich respektiert!“
 
4. Zum Kanzler Bülow bin ich jüngst gegangen.
Als er mich sah, da war er sehr ergrimmt.
Mit ’nem Zitat hat er mich gleich empfangen:
„Man merkt die Absicht und man wird verstimmt!“
Ich sprach: „Ich lieb’ Euch ja von ganzem Herzen!“,
doch voller Zweifel hört’ ich reden ihn:
„Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen
und das Erhab’ne in den Staub zu zieh’n!“
„ich freu’ mich“, sprach ich, „daß ich bei Euch sitze –
wie schön ist Euer Grübchen in dem Kinn!“
„Halt!“, rief er da, „macht keine faulen Witze,
das ist die Stelle, wo ich sterblich bin.“
Auf seinen Wink kam Mohrchen** dann gesprungen,
in meinem Bein fühlt’ ich des Mohrchens Zahn.
Ich lief hinaus – er sprach: „Es ist gelungen.
der Mohr hat seine Schuldigkeit getan!“
 
*Die weltberühmte französische Schauspielerin Sarah Bernhardt wurde 1902, als dieses Lied erschien, 58 Jahre alt. Auftritte hat sie, die sich als französische Patriotin verstand, immer abgelehnt.
** Bülows Pudel


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