Ich möcht` erwachen beim Sonnenschein

Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Und es müsst alles
Wie früher sein
Kein Krieg, kein Elend, kein Müh`n und Plagen
Die Meinen müßten verwundert sagen:
"Hast lang geschlafen,
Hast viel versäumt,
Du sprachst vom Kriege
Du hast geträumt."
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Kehr`mit den Meinen
im Gasthof ein.
Gut, frisch und billig sind Fleisch und Fisch
Ein Teller Brötchen steht auf dem Tisch.
Das Fleisch: sechs Pfötchen
Ergreifen`s fix
Ich es die Brötchen,
Die kosten nix
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Und es müßt alles
Wie früher sein
`s wird nichts verschoben, `s wird nichts gestohlen
Die Straßen friedlich, kein Schrein und Johlen
Und an der Ecke,
Wo`s einsam ist,
Schläft im Verstecke
Ein Polizist
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
`s müßt im Reichstag
wie früher sein
Die, die dort wandeln und die dort reden
Die müßten handeln, sich nicht befehden, -
Kein Redezweikampf
Als End des Lied`s
Und auch kein Schreikrampf
Von der Frau Zietz
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Für in nem Nachen
Zum grünen Rhein
Wohin ich schaue, nur deutsche Leute
Nicht fremde Völker, nicht so wie heute.
Und an der Stelle
wo die jetzt schrein
Spielt die Kapelle
"Die Wacht am Rhein"
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Da käm mit Lachen
mein Enkel rein
Ein blondes Bürschlein von neunzehn Jahren.
Ich sag ihm:" Mög dich der Herr bewahren."
Er sagt: "Ich dank Euch!"
Voll Lebensfreud, -
Er ruht in Frankreich
Ich leb noch heut.*
Ich möcht`erwachen
Beim Sonnenschein
Und es müßt alles
Wie früher sein
Ihr Leut verzeiht mir, wie ich es halte
Ich lob die Zeit mir, die gute alte.
Sie ist vorüber
Auf Nimmersehn
Drum will ich lieber
Jetzt schlafen gehn.
(*NB: Otto Reutters Sohn, der ebenfalls Otto hieß, starb im 1.Weltkrieg bei Verdun.)