Reutter heute

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Wir werden’s noch erleben

1. Wir leben heutzutage
in einer schweren Zeit.
Wir werd’n noch viel erleben,
viel Leid und wenig Freud’.
Wir werden’s noch erleben,
’s wird bei der nächsten Wahl
viel Sozialisten geben –
die Wahl, die macht uns Qual.
In Baden und in Sachsen,
da seh’n Sie, wie sie wachsen.
 
2. Wir werden’s noch erleben,
mit uns, da geht’s zu End.
Der Mann hat nichts zu sagen,
die Frau führt’s Regiment.
Die sagt schon bei der Hochzeit:
„ICH hab’ die Hosen an!“
Wenn MIR das eine sagte,
spräch’ ich als Ehemann:
„Laß uns man bloß nach Haus’ ziehn,
ich wird’ sie dir schon ausziehn!“
 
3. Wir werden’s noch erleben:
Jetzt will, das find’ ich schön,
bei jedem achten Jungen
der Kaiser Pate steh’n.
Nun krieg’n wir viel Soldaten.
Als jüngst der Storch gebracht
drei Jungen gleich auf einmal,
hat’s Vatern Spaß gemacht.
„Das flutscht!“ sprach er und lachte,
„je schneller kommt der achte!“
 
4. Wir werden’s noch erleben,
wenn sich die Frau mokiert,
dann geht der Mann in’s Wirtshaus,
wo er sich amüsiert.
Da sitzt er jeden Abend.
Sagt sie dann: „Bleibe hier
und geh’ nicht in die Kneipe.
Was hab’ ich denn von dir?“
Dann sagt der alter Sünder:
„Du hast von mir – die Kinder!“
 
5. Wir werden’s noch erleben,
man füttert jetzt ein Schwein
mit rotgefärbter Gerste –
das find’ ich gar nicht fein.
Wenn wir das Fleisch gegessen,
dann werd’n wir selber rot.
Wenn einer mir so’n Schwein bringt
ruf’ ich „Schockschwerenot!
Ich schwärm’ bloß für die Schweine –
die Farbe friß alleine!“
 
6. Wir werden’s noch erleben:
Was Gerhart Hauptmann wagt,
das tun bald alle Dichter.
Der Hauptmann hat’s gesagt.
’s trägt jeder seine Werke
selbst vor, so gut er’s kann.
Am Varieté sind nächstens
der Haupt- und Sudermann*,
der Blumenthal** und Fulda*** –
und ich steh’ wie ’ne Null da.
 
7. Wir werden’s noch erleben,
daß uns’re Damenwelt
die vielen falschen Haare
nicht auf dem Kopf behält.
Wenn nächstens in’s Theater
’ne Dame gehen tut
da find’t sie zwei Gard’roben:
die eine für den Hut,
für Pelz- und Mantelware
und eine für die Haare.
 
8. Wir werden’s noch erleben,
daß jeder doppelt liebt
weil es auf dieser Erde
mehr Frau’n als Männer gibt.
Auf jeden Mann komm’n zweie;
ich liebt’ jetzt die Marie
die hat ’ne schöne Freundin
die wohnt hier vis-à-vis.
Wenn ich mir die noch hole,
dann hab ich ne’ Triole.
 
9. Wir werdens noch erleben:
Der Flora-Büstenstreit,
ob echt, ob falsch die Büste,
erstreckt sich noch sehr weit
Heut’ sprach ich zu mein’m Mädel:
„Wenn wir uns wiederseh’n
will ich dich holdes Wesen
mal ohne Mieder seh’n.
Ich bin ein Pessimiste –
ich zweifle an der Büste!“
 
10. Wir werden’s noch erleben:
Vom ganzen Erdenrund
die ältsten Balletteusen
geh’n in den Tugendbund.
Das ist dann für Herr’n Roeren****
vom Zentrum ein Genuss.
Der bravsten Balletteuse
gibt er zum Lohn ’nen Kuß,
denn einen Kuß von Roeren,
den kann kein Mensch verwehren.
 
11. Wir werden’s noch erleben:
Ein Leutnant und zehn Mann
komm’n in den nächsten Tagen
im Reichstag plötzlich an,
hau’n Singern***** auf die Fingern,
vermöbeln Bebeln dort
und kleben an die Türe
ein großes Schild sofort:
„Zu Ende sind die Possen –
der Reichstag ist geschlossen!“
 
12. Wir werden’s noch erleben:
Es dauert noch kein Jahr,
wird auch die Luft besteuert,
die jetzt noch gratis war.
Holt einer dann tief Atem,
ruft der Ex’kuter aus:
„Sie, halten Se mal die Luft an!“
und nimmt die Rechnung raus.
„Bevor Se nichts berappen
gibt’s keene Luft zu schnappen!“
 
13. Wir werden’s noch erleben:
So ’n Polizeihund jetzt
wird hinter den Verbrechern
erfolgreich aufgehetzt.
Doch kommt ihm auf dem Wege
’ne Hündin zu Gesicht,
dann denkt er an die Liebe
und er vergißt die Pflicht,
denn auch das bravste Hündchen
hat mal ein schwaches Stündchen
 
14. Wir werden’s noch erleben,
daß neue Steuern komm’n.
Zum Herr’n Finanzminister,
da sagte ich beklomm’n:
„Wir werden’s noch erleben,
Sie nehmen immer mehr,
wir werden’s noch erleben,
WIR geb’n Ihn’n alles her.
Doch daß SIE UNS was geben,
das wird’n wir nie erleben!“
 
15. Wir werden’s noch erleben:
’s herrscht größte Sittlichkeit
doch ich sing’, trink’ und liebe
solange es noch Zeit
Heut’ sagt’ mir ein Philister:
„Sie kommen nie zum Ziel!
Sie lieben Wein, Weib und Gesang –
das ist ein bißchen viel!“
Da sagte ich ihm schlankweg:
„Dann lass’n wir den Gesang weg!“
 
* Oscar Blumenthal (1852-1917), Schriftsteller
** Hermann Sudermann (1857-1928), Schriftsteller
*** Ludwig Fulda (1862-1939), Schriftsteller
**** Hermann Roeren (1844-1920), Jurist und Reichstagsabgeordneter
***** Paul Singer (1844–1911) Reichstagsabgeordneter, Mitbegründer und Vorsitzender der SPD
 

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