O Jugend, wie bist du so schön
1. Ich sing’ jetzt ein Lied auf die Jugend,
ich meine die Jugend von heut’.
Die Jugend hat gar keine Tugend,
ist nicht wie in früherer Zeit.
Die Kinder von heute entfalten
sich früh, weil sie alles versteh’n –
die Jung’n unterrichten die Alten,
O Jugend, wie bist du so schön!
2. Es sagte ein Vater und lachte
zum zweijähr’gen Knirps: „Komm mal ran!
Schau her, was der Storch dir jetzt brachte,
ein Schwesterlein, sieh es dir an!“
Doch der sagt „Mach bloß kein Gemogel,
die Schwester, die will ich nicht seh’n!
Nee, zeig mir den Storch mal, den Vogel!“
O Jugend, wie bist du so schön!
3. Die Kinder spiel’n heut’ schon Theater
Als wenn sie Erwachsene sind.
Ein Junge, drei Jahr, spielt den Vater –
die Schwester, zwei Jahr, kriegt ein Kind.
Ich sprach zu dem Jungen: „Du, Peter,
ihr müßt doch zur Hochzeit erst geh’n
„Nee“, sagt er, „die kriegen wir später!“
O Jugend, wie bist du so schön!
4. Einst kriegten zur Weihnacht die Knaben
Als Spielzeug ’nen blechernen Zug.
Heut woll’n sie ein Auto schon haben,
oder ’n richtiges Luftschiff zum Flug.
Die Mädchen, die leb’n noch geschwinder,
’ne Puppe woll’n die nicht mehr seh’n:
Heut denken die Kinder an Kinder -
O Jugend, wie bist du so schön!
5. Der Sohn und der Vater, die gehen
in’s Schauspielhaus mal miteinand’.
Der Sohn der sitzt, Vater kann stehen,
das Stück war sehr stark und pikant.
Drum sagt ihm der Sohn in der Pause:
„Ich möchte den Schluß gern noch seh’n!“
Und den Vater, den schickt er nach Hause -
O Jugend, wie bist du so schön!
6. Ein Vater, noch rüstig an Jahren
poussiert mit ’ner liebenden Maid.
Der Sohn, achtzehn Jahr’, hat’s erfahren,
schleicht hin zu ’ner anderen Zeit.
Poussieren und Küssen, das tat er,
„Ach schenk mir was!“ hört er sie fleh’n.
„Nee“ sagt er, „bezahl’n tut der Vater“ -
O Jugend, wie bist du so schön!
7. Das Leben der Jugend, das rächt sich:
Betrachtet man heute ’nen Sohn,
der fühlt sich mit sechzehn wie sechzig,
mit siebzehn wie siebenzig schon.
Das Leben genießen die Eltern,
die Jungen hab’n schon alles geseh’n,
die Jünger’n sind heute die Älter’n -
O Jugend, wie bist du so schön!