Man holt das Alte wieder raus



1. Man schwärmt fürs Neue heutzutage,
hat sich vom Alten abgekehrt.
Doch manches Alte, ohne Frage
hält seinen Wert und bleibt begehrt.
Zum Beispiel: Gern trüg' neue Sachen
man mal des Abends Ihnen vor,
doch heutzutag', da fehlt zum Versemachen
sehr oft die Laune, der Humor.
Man probt und singt –
kein Lied gelingt,
die Muse flieht,
was ist das End vom Lied?
Man holt das Alte wieder raus,
man schmückt's mit neuen Scherzen aus,
braucht alte Verse bloß erneuern.
Auf die Regierung, auf die Steuern
man hat ja stets die Nas' gerümpft,
stets auf die „schlechte Zeit“ geschimpft,
nun macht man bloß bedeutend mehr Geschrei,
Dann ist das Lied so gut wie neu.

2. Will man sich heute mal erbauen,
ganz weltentrückt von Zeit und Ort,
darf man in keine Zeitung schauen,
man stößt sofort auf Raub und Mord.
Auch Bücher gibt's, die's Volk vergiften,
kraß, unverständlich, lebensblind
Doch ich gesteh', es gibt auch neue Schriften,
die sehr GEMEINverständlich sind.
Die neuen Herr'n
les' ich nicht gern.
Drum fällt mir ein:
Es wird viel besser sein:
Man holt die Alten wieder raus,
setzt in 'nen Winkel sich im Haus,
liest Wilhelm Raabe und Fritz Reuter
und unter Tränen wird man heiter.
Die Gegenwart entschwindet weit,
man denkt der guten, alten Zeit,
denn unsre Jugend, die Vergangenheit
Ist stets die gute, alte Zeit.

3. 's gibt neue Tänze jetzt, sehr heiter
die werd'n der Jugend eingeochst.
's gibt Foxtrott, Shimmy und so weiter,
man springt und faxt, man ringt und boxt,
man hopst und trottelt voller Drastik
Großpapa sagt zur Großmama:
„Das ist kein Tanz, das ist schon mehr Gymnastik,
ich kriegte Bauweh, als ich's sah.“
Wird's stets so sein?
Ich sage: Nein,
Es kommt 'ne Zeit,
da tanzt man nicht wie heut'.
Man holt die Alten wieder raus,
den Lanner und den Johann Strauß,
man tanzt im schönsten Walzerreigen,
da hängt der Himmel voller Geigen.
Zum Tanze drängt sich alles da,
dann kommt sogar der Großpapa,
führt seine Alte zärtlich in den Saal
Und sagt: „Nun woll'n wir auch noch mal!“

4. Einst hatte mancher Ehegatte
'ne kleine Freundin nebenher.
Als man noch alles billig hatte,
fiel das nicht schwer, heut' kostet's mehr.
Zu teuer wurden Hüte, Kleider,
drum seufzt er tief: „Es tut mir leid,
du bist für mich jetzt unbezahlbar leider
Drum lebe wohl, du ,teure Maid'.“
Er denkt: „Was tun?
Wen lieb' ich nun?
„Halt“, denkt er schlau
„du hast ja noch 'ne Frau...“
Er holt die Alte wieder raus,
bleibt nun des Abends hübsch zu Haus
Er sagt: „Komm' her, geliebte Alte,
und hast du auch schon manche Falte,
wenn du mich küßt so lieb und treu,
erscheinst du mir so gut wie neu.“
Und sie ist froh und singt voll Seligkeit
ein Loblied auf die heut'ge Zeit.

Werbung

Google Plus

Tasse Kaffee

Es gefällt Ihnen die Otto-Reutter-Seite und Sie wollen sich bedanken?