Reutter heute

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Wir haben`s erlebt und es war schön

Wenn man so langsam in den Jahren ist
Wo man bedeckt mit grauen Haaren ist
Und sich noch freut, daß sie noch am Platze sind
Weil die noch besser wie ne Glatze sind
Wenn es nicht mehr so richtig vorwärts geht
Und wenn man lieber sitzt, als daß man steht
Kurz, wenn man ungefähr so alt wie ich
Kommt`s Alter langsam, aber sicherlich.

Ob man dich alt hält, fühlst du bald heraus.
Sagt man z.B. "Sie seh'n glänzend aus!"
Das sagt man Ält'ren, wo der Glanz verweht,
Weil sich's bei jüng'ren ganz von selbst versteht.
Sagt dir ein jüng'rer Freund: "Du, sei mal schlau!
Ich muß verreisen - acht auf meine Frau,
Ob brav sie bleibt", dann spürest traurig du:
DIR traut er, denn er traut er nischt mehr zu.

Stehs't in der Bahn du und es sitzt vor dir
Ne hübsche Maid, du kokettierst mit ihr
Und sie steht auf - sagt:“Bitte, ich kann stehn.“
Und macht dir Platz, dann sagtste: “Dankeschön“
Die Passagiere schaun dich lächelnd an,
Und du sitzt da als ein gesetzter Mann
Und sie geht raus und du guckst hinterher
Schön ist die Jugend, doch SIE kommt nicht mehr.

Bist du erst alt, dann schwindet Frauengunst,
Dann mußte zahl'n, dann haste nichts umsunst,
Liebst du ne Junge und wirst alt wie ich
Vergißt se dich und dann vergißt se sich
Küß deine Frau, der bist du angenehm,
Ist sie auch nicht mehr jung, du hast`s bequem
Sie ist zu Gegendiensten gern bereit
Und freut sich über jede Kleinigkeit.

Das Alter macht dich mild und ausgesöhnt.
Dann hast du dich auch an die Frau gewöhnt.
Selbst ihre Fehler könn'n dich nicht meher quäl'n,
Dir tät was fehl'n, wenn ihre Fehler fehl'n,
Zwar manchmal denkst du - und schaust sie an:
"Nein, wie der Mensch sich doch verändern kann!
Wie konnt ich bloß" -- Sei still und merke dir:
Sie denkt von DIR genau wie du von IHR.

Doch nun im Ernst, ich sprech es offen aus
Wir Alten haben der Jugend viel voraus
Der Abend ist oft schöner als der Tag
Bergab geht’s leichter, ohne Müh' und Plag'
Und dann - heut` jung zu sein, das tät`uns leid
Wir freuen uns, daß wir alt in solcher Zeit,
Und doch eins hält uns Alte heut' noch jung,
das ist an früher - die Erinnerung.

Ja die Erinnerung die soll leben,
und Altes stets aufs neu erheben,
ihr Jungen hört's und platzt vor Neid,
wir waren jung in alter Zeit,
uns war ein bess'res Los beschieden,
wir lebten einfach und zufrieden,
drum sagen wir wenn wir rückwärts seh'n,
Wir haben's erlebt - und es war schön!

So mancher lebt heut' vom Betrügen,
Er singt: "Das Bummeln macht vergnügen."
Wir sangen einst in alter Zeit:
"Üb immer Treu und Redlichkeit."
Uns war die Arbeit ein Vergnügen,
wir waren davon nicht wegzukriegen.
Wir mußten zum Vergnügen gehn,
Wir habens erlebt - und es war schön!

Einst sah' man nachts die Lichter glänzen,
Da floh'n die dunklen Existenzen,
Und WIR tranken froh beim Licht,
Und sang'n: "Nach Hause geh'n wir nicht."
Wir tranken'S Bier um elf noch nicht aus.
Wir gingen aus - heut geht das Licht aus,
dann hab'n Sie dunkles Buier zu stehn, -
Wir trankens hell - und es war schön!

Einst prägte man Gold aus goldnen Klumpen.
Heut druckt man Scheine nur aus Lumpen -
Und weil so'n Schein aus Lumpen nur,
Kommt oft so'n Schein zum Lump retour.
Nimmt man so'n Dreckgeld aus den Taschen,
muß man nacher die Hände waschen.
Als man noch saub'res Geld geseh'n -
Wir hab'ns erlebt - und es war schön!

Als man noch Nachts beim Glas des Weins war,
Und früh um vier noch alles eins war,
Man saß beim Mädel und rief aus,
"bis früh um fünfe, süße Maus",
wenn man sie dann nach Hause brachte,
geschloss'ne Droschke, die fuhr sachte,
mit 'nen Umweg - für ne Mark und zehn, -
Wir haben's erlebt - und es war schön!

Als man mit einem harten Taler,
schon bei den Mädeln galt als Prahler,
man winkt damit ein Weib heran,
die dachte nach und sah' uns an,
und sie erwidert unsre Triebe,
teils für den Taler, teils aus Liebe,
und sprach ich "is jut, dann woll'n wer jehn" -
Wir haben's erlebt - und es war schön!

Wir lebten als das Geld noch rund war,
und als die Uniform noch bunt war,
war auch streng der Paradeschritt,
ging auch die Sozi's grade mit,
wenn wir auch manchen Fehler fanden,
es war doch Disziplin vorhanden,
und es war schneidig anzuseh'n -
Wir haben's erlebt - und es war schön!

Man will uns heut's Vermögen nehmen -
Da mögen sich die Jungen grämen.
Wir alten halten - uns zum Glück -
Das Haupt-Vermögen doch zurück.
Holt dochs Vermögen - unsertwegen
Wir hab'ns ERINNERUNGS-Vermögen,
Und DAS Vermögen bleibt besteh'n. -
Wir hab'ns erlebt - und es war schön!

Deshalb ihr Söhne und ihr Enkel,
die heut sitzt bei Mumm und Henkel
beklagt euch nicht, nein, platzt vor Neid,
wir waren jung in alter Zeit,
wollt ihr sie auch, dann rührt die Glieder,
und sorgt dafür - dann kommt sie wieder,
dann wirds auch Euch wie uns ergeh'n, -
Wir haben's erlebt - und es war schön!

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